15. Dezember

Elternzeit-Reise durch Estland

Sommer 2018: 2. Kind, 2. Elternzeitreise. Länger als beim ersten Mal, da waren wir 7 Wochen unterwegs. Wenn wir es schaffen, bis zu hoch zu den Lofoten. Soviel war klar. Wo lang genau uns unsere Reise führen sollte, ließen wir aber ganz bewusst offen. Es sollte schließlich eine Reise werden, auf der wir alle Vier unsere Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen wollten. Am Ende waren wir 3,5 Monate unterwegs, ganz oben im Norden und rund um die Ostsee.

Als wir von Finnland nach Estland übersetzten, hatten wir noch genau 3 Wochen Zeit, bis ich wieder ins Büro in Osnabrück musste. Wann würden wir wieder 3 Wochen am Stück Zeit haben, um eine für uns völlig unbekannte Ecke Europas kennenzulernen? Und das ohne die Zeit für das Hinkommen. Wir waren ja schon quasi da. Also trafen wir die Entscheidung: machen. Das Baltikum und Polen entdecken.

Unsere Route führte uns über Tallinn und den famosen Lahemaa Nationalpark entlang des wenig touristischen Ostens und runter in den kleinen Karula Nationalpark. Insgesamt waren wir Ende September/ Anfang Oktober eine Woche lang in Estland unterwegs.

unsere Reiseroute durch Estland

Um von Finnland nach Estland zu kommen, bietet sich die Fährverbindung Helsinki - Tallinn an. Etwa 10x täglich verkehren die Fähren verschiedenerer Reedereien auf dieser etwa 2 - 2,5 stündigen Strecke. Die Zeit lässt sich mit Kindern an Bord problemlos überbrücken. Geschäfte und Bars anschauen, auf dem Deck durchpusten lassen und mit der Fahne um die Wette wehen (packt euch warm ein!).

Eine Seefahrt, die ist lustig...
Linienverkehr zwischen Helsinki und Tallinn

1. Tallinn

Ziemlich naiv und unbedarft rollten wir also mit unserem Camper Bertha in Tallinn von der Fähre. Von Tallinn hatten wir bislang nur Positives gehört, also war klar, dass wir hier auch bleiben wollten (obwohl wir eigentlich gar keine Städte-Freunde sind).

Man findet überall großartige Sprüche
Tallinns Altstadt von oben

Einen (überteuerten) Stellplatz mit WC fanden wir am Hafen am Olümpiakeskus. Ende September lagen neben Bertha schon lauter Boote auf verschiedensten Anhängern, die auf Abfahrt ins Winterquartier warteten. Nachts wurden wir mit der Tallinn-Skyline und einem großartigen Feuerwerk (warum auch immer) beglückt. Ein weiteres Highlight unseres Stellplatzes, das uns auch heute noch zum Lachen bringt, war der Einblick in die hippe Schifffahrtswelt - wo sonst habt ihr schon einmal Masten an Segelschiffen gesehen, die mit Farbwechsel-LED-Blinklichtern ausgestattet waren? 😉

Tallinns Skyline bei Sonnenuntergang vom Olümpiakeskus
Feuerwerk für Bertha

Vom Olümpiakeskus erreicht man die Altstadt wunderbar und zügig mit dem Bus. Wir können nur zu einem gemütlichen Bummel ohne vorgeplante Route raten. In jeder Seitenstraße tut sich ein neues, wunderbares Gässchen auf und wären wir dem Stadtrundgang gefolgt, hätten wir so manches verpasst. So haben wir eben manches "Spektakuläres" verpasst, was aber nicht schlimm ist, weil wir unsere ganz eigenen Erinnerungen kreieren konnten. 

Absolut empfehlenswert und beeindruckend sind auf jeden Fall die Stadtmauer und der Blick von ihr oder einem Kirchturm runter auf die Altstadt.

Stadtmauer 
irgendwo in Tallinn

Und schaut unbedingt im Vegan Restoran Vandema vorbei. Hmmm, so wunderbar lecker, gemütlich mit alten Sofas wie bei Oma und super kinderfreundlich!

Das für uns leckerste Restaurant auf der Tour rund um die Ostsee

2. Lahemaa Rahvuspark

Nach ein bis zwei Tagen Stadt ist bei uns als Familie immer das Bedürfnis nach Menschen und Rummel gesättigt. Um wieder in die Natur abzutauchen, haben wir uns auf den Weg zum Lahemaa Nationalpark gemacht. Nach einer guten Stunde im Auto ist man mitten in Estlands größtem und ältestem Nationalpark. Neben Küstengebieten umfasst er auch Moore, Wiesen und Wälder, in denen auch einige große Wildtiere leben.


2.1 Purekkari neem

Besonders hängen geblieben ist uns die Nordspitze Estlands, die Purekkari neem. Sie besteht hauptsächlich aus Findlingen und Steinen, aber in den Buchten hat sich auch feiner Sandstrand mit See-Charakter (Schilf, Schwäne etc.) gebildet. So eignet sie sich super zum Erkunden mit Kindern. Wir können klettern, springen, balancieren, Steine ins Wasser werfen, aber auch im seichten Wasser plantschen und Vögel beobachten.

Der nördlichste Punkt Estlands: Purekkari neem

Die Landzunge erstreckt sich 1,5 km ins Meer hinein und ist nur zu Fuß erreichbar. Die Spitze ist in der Regel als Insel abgetrennt. Wir waren planlos unterwegs, aber ggf. lohnt es sich, auf die Gezeiten zu achten. Das Fahrzeug kann am Campingplatz geparkt werden. Eine Übernachtung bietet sich für Camper also an. Neben wunderbaren Stellmöglichkeiten sind Plumpsklos, Grillplätze, Feuerholz und sogar Hack-Klötze vorhanden.

Ende September waren wir hier ganz für uns alleine. Wir haben die Mischung aus ordentlich Wind weit vorn, aber auch nahezu Windstille am Wald sehr genossen. Festes Schuhwerk ist auf den Kieseln angenehm, der Campingplatz hat aber sogar Rolli-geeignete Stege bzw. Profi-Laufrad-Rennbahnen, über die man an den Strand gelangen kann.

Sturmfrisur weit vorne auf der Landzunge
Rennfahr-Strecken auf dem Campingplatz

2.2 Käsmu Öpperada

Eine Landzunge weiter östlich bei Käsmu gibt es einen wunderbaren kurzen Familienwanderweg entlang der Küste und durch den Blaubeerwald. Der Weg ist gespickt mit absolut großartigen Schaukeln, die mit breiten Brettern an langen Seilen direkt in den Bäumen hängen. Uns erinnern sie immer an die Schaukeln von Mama Muh und lösen auch jetzt noch begeisterte Gluckser beim Kind aus.

Mit Wanderstock geht alles besser - oder auch NOCH langsamer!?
Schaukeln wie bei Mama Muh

2.3 Koprarada

Ein kurzer und informativer Biber-Lehrpfad. Toll für die Kids und auch für uns, um wirklich einmal in echt eine Biberburg und Nagespuren an Bäumen zu sehen.

am Biber-Lehrpfad
sooo gewaltige Biber-Spuren!

2.4 Viru raba

Ein toller 4 km langer Moor-Lehrpfad mit Aussichtsturm durchs Moor und den angrenzenden Wald. Auf Stegen konnte unsere gerade 3jährige zu Höchstform auflaufen und ist hier tatsächlich ihre erste 4 km vollständig alleine gelaufen (es hat natürlich entsprechend lange gedauert). Im Moor lässt sich so wunderbar viel entdecken! Warum ist das Wasser fast schwarz? Warum sieht die Spiegelung so anders aus? Warum sind da Schilder ganz weit unten im Wasser, die wir kaum noch entziffern können?

Aussichtsturm
Blick von oben über das Moor

3. Rakvere Linnus 

Folgt man der E20 weiter in den Osten, landet man in Rakvere. Die Stadt ist bekannt für seine Burgruine. Als wir an einem Dienstag-Mittag Anfang Oktober anhielten, war die Burg - tadaaa - natürlich geschlossen. Wer sie besichtigen möchte, informiert sich also am besten vorab 😉

Wir haben aber auch so viel Zeit bei der Burg verbracht. Einfach anhalten und um die Burg herumstromern . Wir fanden sie auch von außen sehr beeindruckend. Außerdem eignet sich Rakvere hervorragend, um die leer gefutterte Speisekammer wieder aufzufüllen.

gewaltige Burgmauern
die Burgruine Rakvere linnus im Herbst

4. Steilküste bei Valaste/ Saka

Nicht mehr weit von der russischen Grenze entfernt, hat sich an der Ostsee eine Steilküste at its bests gebildet. Bei Valaste kann man Estlands höchsten Wasserfall anschauen. Als wir da waren, war er leider nur ein trauriges Rinnsaal und die Wege runter zum Strand wegen Bauarbeiten gesperrt.

Wenige Kilometer weiter bei Saka fanden wir einen tollen Stellplatz direkt an einem Gutshof (auf dem tatsächlich neben uns noch ganze vier weitere Wohnmobile standen). Direkt vom Gutshof aus führen Treppen die Steilküste hinab. Unten kann man den besonderen Blaulehm und zahlreiche Versteinerungen bestaunen. Auch hier gibt es einen Wasserfall namens Kivisilla, der aber (wenn man schon einmal in Island war) nicht weiter erwähnenswert ist. Der Rundweg hat eine Länge von 2 km und ist somit auch für Kleinkinder gut schaffbar. Aber Achtung auf den Treppen - sie sind wirklich steil!

die Treppen die Steilküste sind wirklich steil
dicht bewaldete Steilküste
Versteinerungen direkt unterhalb der Steilküste
Regen kommt!

5. Peispi järv

So schön der estnische Norden auch ist, die Elternzeit-Ende-Uhr tickte und wir mussten uns dringend auf gen Süden machen. Folgt man der E20 weiter in den Osten, landet man zügig in der nächstgrößeren Stadt Jövi. Von dort sind es nur noch ca. 50 km zur russischen Grenze. Wir bogen (nach einem größeren Einkauf) nun aber auf die E264 Richtung Süden ab. 

Nach ca. 30 Minuten Fahrt erreichten wir Kauksi am Peipsi Järv (Peipus See). Der Peipsi järv ist der fünftgrößte See Europas und bildet eine natürliche Grenze zwischen Estland und Russland. Er bietet teilweise deutlich mehr Meer-Feeling als die liebliche Ostseeküste.

Der Peipsi Järv
Zugang zum See bei Kauksi mit großartigem Spielplatz

Auf dem weiteren Weg südwärts in Richtung Tartu kommt man, wenn man der Straße rund um den See folgt, bei Alatskivi vorbei. Dort kann man einen schönen kurzen Gang rund um das Schloss unternehmen.

Alatskivi loss

6. Tartu

Tartu, das Oxford von Estland. Universitätsstadt. Eine tolle Altstadt mit besonderem Flair. Die zweitgrößte Stadt des Landes, durch die der Fluss Emajögi fließt.

Eigentlich wären wir an einer Stadt einfach vorbeigefahren. Aber Tallinn hatte uns echt infiziert, dass wir uns einen Abstecher zutrauten. Auch hier stromerten wir einfach durch die Altstadt ohne auf vorgefertigte Routen zu achten.

Tartus Altstadt
Tartu Ülikool muuseum

Auf jeden Fall lohnt sich (auch für Museums-Muffel) ein Besuch Tartu Ülikool muuseum. Das Gebäude ist einfach der Knaller! Auch ein Gang entlang des Emajögi, dem längsten Fluss Estlands, der hier mitten durch die Stadt fließt, hat uns gut gefallen. Den Kids besonders die Schaukel-Bänke 🙂

Schaukelbänke am Fluss Emajögi
Der Emajögi fließt mitten durch Tartu

7. Karula Rahvuspargi

Kurz vor der lettischen Grenze liegt der Nationalpark Karula. Direkt beim Nationalparkhaus am See Ähijärv ist auch ein Campingplatz. Anfang Oktober war hier gar nichts mehr los. Wir waren die einzigen Übernachtungsgäste und unsere Kinder haben den Spielplatz und die Stege am Wasser in vollen Zügen genossen. Tagsüber ist im Nationalparkhaus ein Museum geöffnet, das Informationen zum früheren Leben in dieser Gegend und zu Natur und Tieren ausstellt.

Hier startet auch unmittelbar ein schöner Wanderweg entlang des Seeufers und durch den Wald, Ähijärve matkarada.

Abendstimmung direkt vom Camper aus am Ähijärv
Nationalparkhaus am Ähijärv: Museum und Campingplatz-Anlaufstelle

Vom Ähijärve ging es auf recht unscheinbaren Straßen weiter nach Lettland. Insgesamt waren wir eine Woche in Estland unterwegs und eins ist klar: Wir haben die Freiheit und die Ruhe hier so sehr genossen, dass wir in jedem Fall wiederkommen wollen!

Die Berichte zu den weiteren Etappen unserer Elternzeitreise hoch zu den Lofoten und rund um die Ostsee stehen noch aus. Willst du auf dem Laufenden bleiben? Dann trag dich in meinen Newsletter ein und ich informiere dich, sobald ich zum Schreiben gekommen bin. Ich freu mich!


Was dich auch interessieren könnte